biancas webkolumne: digital-ayurveda

von sons – agentur für strategische und kreative markenentwicklung.

ich wuchs in einer zeit auf, in der handys so groß waren wie aktenkoffer. mittlerweile nutze ich facebook, twitter, instagram, pinterest, diverse foren und portale, erhalte jeden tag mails mit angeboten, aktionen und auktionen. und newsletter. auf meinen wegen durch das netz werde ich verfolgt – von cookie-gesteuerter werbung, die für mich speziell abgestimmte banner auf den von mir angewählten seiten zeigt. irgendjemand da draußen weiß, welche handtaschenform und welche schuhfarbe ich bevorzuge, dass ich gerne bücher über sportmedizin und marc aurel lese und mich vor zwei jahren für einen kurztrip nach lissabon interessiert habe. ich erinnere mich an eine szene in einem science fiction film, in der ein junger mann ein kaufhaus betritt und sogleich von einer damenstimme begrüßt, über sein guthaben informiert und zu den speziell für ihn zusammengestellten angeboten geleitet wird.

ein newsletter in meinem postfach war einmal so täuschend privat aufgemacht, dass ich dem absender persönlich geantwortet habe, um sein angebot abzulehnen! so etwas ärgert mich nicht nur, weil ich, selbst aus der branche, in eine falle getappt bin. schlimmer, man hat mir meine zeit gestohlen!

via twitter habe ich follower, die keine personen, sondern computer-programme sind (sogenannte »social bots« > google!). auf facebook haben die bots auch schon versucht, mit mir freundschaft zu schließen. sie verschaffen ihren »kontakten« wiederum informationen über userprofile und können diskussionen beeinflussen, indem sie informationen gezielt verbreiten. und ob lothar matthäus wirklich lothar matthäus ist, das werde ich wohl nie erfahren. das ist so wenig relevant wie 99% aller tweets. deshalb habe ich ausgemistet und nutze twitter aktuell nur als nachrichtensender. aber, ich bin dabei!

in xing bin ich eine relativ zurückhaltendes profil, werde aber von strukturvertrieblern überrannt – und von beeindruckend großen gruppen wie »kontaktmaschine 2.0«. ja, ich freue mich AUCH schon auf »fröhliches netzwerken«. xing ist irgendwie »90er«, aber abmelden will ich mich trotzdem nicht.

fab, monoqui und dawanda nerven mich nahezu täglich mit neuem schönem überflüssigem designkram, der »speziell für dich mit liebe gebastelt, bianca« wurde. natürlich könnte ich mich abmelden, aber ab und zu ist eben doch mal eine inspiration dabei. wie zum beispiel unser neuer esstisch. der esstisch ist jetzt bei uns, weil ich ihn schon lange zeit vorher in einem geschäft (das ding mit eingangstür und regalen drin) in amsterdam entdeckt, dann aber wieder vergessen hatte. monoqui hat meine erinnerung diesbezüglich aufgefrischt und den deal für sich entschieden.

über strava, eine plattform für biker und läufer, kann ich meine gefahrenen zeiten über bestimmte streckenabschnitte per gps-gadget hochladen und mit anderen vergleichen, die schon die gleichen abschnitte gefahren sind (womöglich schneller als ich), um mir bei nächster gelegenheit den »QOM« (queen of the mountain) zurückzuholen oder um viele »kudos« (anerkennung) von anderen fahrern zu erhalten. wer strava nutzen will, braucht ein iphone. oder einen garmin. oder zumindest die strava android app. wer das tool mit allen funktionen nutzen will, kann den kostenpflichtigen premium modus buchen. also heißt es, aufrüsten in der sportgruppe! ich finde strava klasse, auch wenn es die falschen watt-werte sowie falsche streckenlängen anzeigt und niemand feststellen kann, ob man mit einem mofa unterwegs war. und ich habe bestimmt schon für viele neu user gesorgt. überhaupt ist die selbstdarstellung und die damit verbundene anerkennung anscheinend ein hervorragender motor, menschen hinter dem ofen hervorzulocken.

die vorstellung, ohne das social web leben zu können, ist bei mir zumindest rudimentär vorhanden und ich habe mich lange gegen ein eigenes facebook-profil gewehrt. WAAAAS, du bist nicht bei facebook? irgendwie kommt man nicht dran vorbei. meinen blog habe ich gleich mit twitter und facebook vernetzt und kann so meine »wertvollen informationen« noch effektiver posten! das ganze entwickelt ein wenig suchtcharakter. erst neulich habe ich ein junges paar in einem restaurant gesehen, sich gegenübersitzend, bei kerzenschein, beide mit gesenktem kopf pausenlos auf ihrem iphone herumtippend. vielleicht haben sie ja miteinander gechattet? ihre dessertauswahl bewertet? oder sich den weg zur toilette via googlemaps gezeigt?

um mir selbst das gute gefühl zu geben, auch ohne das alles überleben zu können, deaktiviere ich deshalb von zeit zu zeit sämtliche accounts. das hat etwas abenteuerliches. eine art digital-ayurveda. mal sehen, wie lange ich das nächste mal durchhalte!  bianca hertlein